Schamanismus Generation X

Chuonnasuan, Schamane des tungusischen Volkes der Oroken, Foto von Richard Toll, 1994
Chuonnasuan, Schamane des tungusischen Volkes der Oroken, Foto von Richard Toll, 1994

Wer einen Schamanen sucht, ist meist auf der Suche nach Veränderung. 

Und, sind wir mal ehrlich: in unserer Kultur ist der Schamane (oder die Schamanin) meist nicht die erste Anlaufstation für die Lösung irgendwelcher Probleme. Nein, wir sind oft weiter hinten in der Reihe derer, an die man sich hilfesuchend wendet. Obwohl unsere Gesellschaft sich langsam wieder spiritueller Hilfe öffnet, ist das Konzept einer solch urtümlichen Tradition entsprungenen Lebensweise seit Generationen fremd, und Schamanismus in den Köpfen vieler Menschen etwas, dass man bei Ureinwohnern anderer Länder oder sogar anderer Kontinente findet - aber nicht doch hier bei uns...

Und tatsächlich: selbst einige der Menschen, die als Schamanen berufen sind, suchen sich heute immer noch Lehrer aus anderen Kulturen, deren Techniken sie dann wieder mit in die Heimat bringen.

Der offensichtlichste Hintergrund dafür ist, dass es sehr schwer ist, europäischen Schamanismus zu finden. Die Hexenverfolgung des dunklen Mittelalters bietet dafür aber nur einen Höhepunkt einer Bewegung, die schon viel früher begonnen hat. Viele alte heidnische Bräuche und Gottheiten (Heilige) wurden dem frühen Christentum, und davor noch älteren Religionen, einverleibt. Auf diese Art und Weise haben die uralten Geschichten und Rituale immer weiter für die Menschen gelebt, und Eingeweihte konnten in ihnen lesen und sie benutzen. 

"Priester des Teufels", 1692, Nicolaes Witsen: sibirischer Schamanismus
"Priester des Teufels", 1692, Nicolaes Witsen: sibirischer Schamanismus

Die Eingeweihten haben immer eine große Macht gehabt, und ganz gleich wie bescheiden sie gelebt haben: ihre Macht war eine Gefahr in den Augen derer, die für sich selbst Macht suchten.

Die "Verteufelung" heidnischer Priester und Zauberer begann und trennte durch ihre unnachgiebige Ausrottung die neuen Eingeweihten von ihren Lehrern und damit von einem ununterbrochenen Wissensstrang ab. Die einzigen europäischen Schamanen ununterbrochener Tradition, die man heute noch findet, leben in dünn besiedelten Gebieten und sind meist Teil einer ethnischen Minderheit.


Unsere Gesellschaft hat versucht, das Loch, was durch das Fehlen der durch den Schamanen hergestellten geistigen Verbindung entstanden ist, zu kompensieren. In einigen Bereichen ist das sogar recht gut gelungen: zum Beispiel hat die Medizin gute Fortschritte gemacht, und die Psyche des Menschen ist nicht nur viel besser erforscht, es finden sich auch spannende, dem Schamanismus entlehnte Systeme zur Heilung, derer man sich heute bedienen kann. 

Nicht immer ist also solch ein Vakuum etwas schlechtes, oder solch eine Aufteilung in viele kleine Fachgebiete etwas unbefriedigendes: diese Spezialisierung bringt uns in Teilbereichen in eine gute Professionalität.


Darstellung eines Schamanen auf dem Kessel von Gundestrup
Darstellung eines Schamanen auf dem Kessel von Gundestrup

Das Vakuum zu füllen ist aber dadurch nicht gelungen. Schamanen sind Allround-Talente, die vieles miteinander verbinden: Heilkunst, Malerei, Musik, Gesang, Schauspiel, Geschichtenerzählen, Traditionen bewahren, Geisteskommunikation, Familienhilfe. Er wirkt als Seher, Kriegsminister, Priester, Erkenner des rechten Ortes und der rechten Zeit, Ahnenverbinder,  Jagdbegünstiger, Streitschlichter - habe ich etwas vergessen?

Nicht jeder Schamane ist gleich gut in allen Dingen. Jeder Schamane hat seine eigenen Begabungen, seine eigene "Farbe". Auch bei Schamanen ununterbrochener Traditionen aus festen, Schamanismus befürwortenden Gesellschaften findet sich dieses Phänomen: denn die schamanische Kraft, die sich durch einen Schamanen ausdrückt, drückt sich immer durch einen Menschen aus, mit eigenen Begabungen, Interessen und eigener Ausbildung bzw "mitgebrachtem" Wissen.

Ihre Gemeinsamkeit besteht darin, die "Fäden" zu sehen, die sich im Leben durch die verschiedenen Teilbereiche ziehen und diese miteinander verbinden.

Berlin
Berlin

Es ist eine Herausforderung in unserer heutigen Zeit und unserer modernen Gesellschaft, den Schamanismus wieder herzustellen. Dabei erweist sich die gesellschaftliche Ignoranz dieser Lebensweise manchmal sogar als hilfreich: anstatt von klein auf in einem System ausgewachsen zu sein, in dem Werte und Traditionen durch den Hüter der Geheimnisse, den Medizinmann, bewahrt und aufrecht erhalten werden, erleben wir unsere "Traditionen" nur mehr als leere Hüllen, die von einem schwachen Glanz früherer Glaubensgeschichten gefüllt waren, mit denen wir uns nicht mehr wirklich identifizieren können. Als Beispiel denke man bloß an Weihnachten...

Auch das Aufwachsen mitten in der Gesellschaft und ihren Schwierigkeiten, erweist sich als gute Schule für einen Schamanen, der in alter Tradition schon früh erkannt worden wäre, und durch seine Einweihungen nie einen Platz inmitten der Gesellschaft gefunden hätte. Das Meistern des Alltags ist die beste Schule für soliden Schamanismus.

Gerade für die Schamanen der "Generation X", deren Ahnen es vorher so gut verstanden haben, sich von alten Traditionshüllen und Moralvorstellungen zu lösen, bietet sich die heutige Zeit an, die ganz alten Wege in eine neue Zeit mit neuen Möglichkeiten hereinzubringen.


Anmerkung

Es gab und gibt Schamanen beiderlei Geschlechts. Aufgrund der einfacheren Lesbarkeit benutze ich in diesem Essay fast ausschliesslich den Begriff "Schamane". Gemeint sind damit jedoch in gleichem Maße Schamaninnen.


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